• Kristin Thielemann

Frust im Online Unterricht?

Kennen Sie dieses Gefühl der letzten Wochen? Da gelingt eine Online-Unterrichtsstunde oder man spürt, wie viel man einem Schüler in seiner Isolation geben konnte. Trotz der Krise können da regelrechte Glücksgefühle aufkommen.

Dann aber wieder gibt es Situationen, in denen uns bewusst wird, dass der Online-Unterricht, wie er jetzt gerade läuft, weder unseren künstlerischen noch pädagogischen Ansprüchen genügt. Wir spüren den Frust, die Hilflosigkeit. Manche von uns stellen sich vielleicht die Frage, ob sie überhaupt den Anschluss an diese hochtechnisierte Gesellschaft von Online-Musiklehrern finden.


Auf uns strömen gerade in technischer Hinsicht unfassbar viele Hinweise und Tipps ein. Vielfach fühlen wir uns trotzdem hilflos, sind aber gezwungen, Entscheidungen zu treffen: Unterrichte ich mit ZOOM, Skype oder doch lieber über WhatsApp? Sind live gehaltene Online-Lessons besser, oder soll ergänzend mit Videos gearbeitet werden? Wie dreht man als Neuling überhaupt ein Video, noch dazu möglicherweise mit kaum Equipment? Und wie funktioniert bitte eine Video-Bearbeitungssoftware? Wie? Es gibt mehr als drei zur Auswahl...!?

In Webinaren und auf Fortbildungen auf denen ich zu Gast bin, aber auch bei Gesprächen mit anderen Musikpädagogen spüre ich oft, dass es eine ganze Gruppe von Menschen gibt, die sich technisch „abgehängt“ fühlt und trotz ihres Lernwillens kaum eine Chance sieht, technik- und onlineaffinen Kollegen das Wasser zu reichen.

Da nützen dann auch gut gemeinte Erklärungen wenig: Wer sich beim Thema Online-Unterricht auf komplett neuem Terrain bewegt, wird sich möglicherweise abgehängt fühlen, wird denken, er oder sie sei nicht kompetent genug oder auf der Höhe der Zeit. Frust und Überforderung entstehen! Wir spüren, dass die Kraft fehlt, sich derart ins Lernen neuer Inhalte zu stürzen, um mit sehr technik- und onlineaffinen Kolleginnen und Kollegen mitzuhalten.

Meiner Meinung nach ist diese Gruppe von hochqualifizierten Musikpädagogen, die nun frustriert sind, sehr groß. Also sollten Sie sich schon einmal nicht allein fühlen mit Ihrem Problem. Versuchen Sie Kontakt zu Menschen aufzubauen, denen es ähnlich geht wie Ihnen!

Bitte seien Sie sich bewusst, dass auch minimale Anpassungen und sogar schon ein Handy auf Ihrer Seite ausreichen können, um zumindest vorübergehend den Unterricht für Ihre Schüler aufrecht zu erhalten.


Niemand braucht für den Online-Unterricht unbedingt ein eigenes Tonstudio oder Computerkenntnisse im Schneiden und Bearbeiten von Videos. Sie haben keinen eigenen YouTube-Kanal oder administrieren Webinare? Sie wissen nicht, wozu man ein Interface benutzt oder wie viele Megabits bei Skype im Vergleich zu anderen Video-Messengern übertragen werden?! Willkommen im Club!

Wir sind Musikpädagoginnen und Musikpädagogen von Beruf. Manche von uns haben die Online-Technik als ihr Hobby entdeckt, andere nicht.

Sie haben möglicherweise Ihre Stärken in einem ganz anderen Bereich! Nun müssen kreative Wege gefunden werden, wie Sie Ihr Fähigkeiten auch im Online-Unterricht zum Wohle Ihrer Schüler einsetzen können.

Ihre Stärke ist die Musikgeschichte? Sehr gut! Erzählen Sie Ihren Schülern mehr darüber im Unterricht! Wie wäre es einmal, eine kleine Gruppenstunde auszuprobieren, die Sie kostenfrei anbieten. So sind Sie nicht in Zugzwang, dass es technisch klappen muss. Sie können stattdessen üben, wie eine kleine Gruppenstunde im Online-Unterricht gehalten wird.

Ihr Talent sind lustige Unterrichtsstunden? Scheuen Sie sich nicht, auch in digitalen Lektionen witzig zu sein! Vielleicht kommt ihr mündlicher Witz auf digitalem Weg nicht so an wie in einer Face-to-Face-Lesson!? Dann probieren Sie es mit lustigen Dingen, die Sie auf einen Zettel schreiben oder malen und in die Kamera halten.

Ein Highlight bei meinen Schülern, was seit einiger Zeit für viel Gelächter sorgt, ist ein großer roter Button, der ausschließlich „No!“ rufen kann, wenn man ihn drückt. Die Kinder und Jugendlichen lieben diesen kleinen Gag und machen sich einen Spaß daraus, Situationen zu provozieren, in denen ich ihn benutze. Gönnen Sie Ihren Schülern die Freude, Lachen und Unbeschwertheit, selbst in dieser Krise. Es ist wichtig, zumindest ein klein wenig Normalität aufrecht zu erhalten.

Ich hätte übrigens auch den Yes-Button angeschafft, nur war dieser leider ausverkauft. Mein Gefühl sagt mir aber, dass der No-Button noch viele Batteriewechsel überstehen muss!

In Ihren Lektionen steht eine blitzsaubere Instrumentaltechnik im Zentrum? Das ist natürlich eine gute Sache. Möglicherweise können Sie jedoch einige für den musikalischen Fortschritt wichtige Dinge nicht über ein Handy beurteilen. Das stört Sie verständlicherweise!

Es gibt aber möglicherweise viele weitere Aspekte, zu denen Sie auch auf digitalem Weg kompetent Auskunft geben können: Dann ist es eben einmal eine Weile nicht der Fingersatz oder die Handhaltung, die Ihre Aufmerksamkeit bekommen sondern Sie arbeiten mit Ihren Schülern an Rhythmus, Blattlesen oder Intonation.

Denken Sie bitte immer daran, was Menschen mit einem körperlichen Handicap über ihren Alltag berichten: Bei Blinden schärft sich der Sinn fürs Gehört derart, dass sie in der Tonlage von Menschen deren Stimmung so gut erkennen, als sähen sie deren Mimik. Gehörlöse beginnen Situationen über das Zusehen zu erfassen und haben oft eine erstaunliche Fähigkeit zur Interpretation von Gegebenheiten, nehmen Dinge wahr, die uns nie auffallen würden. All diese Fähigkeiten haben Menschen mit Handicap nicht über Nacht gelernt. Es war ein Prozess, der sicherlich ebenfalls von Frust und Rückschlägen geprägt war.

Abschließend ist es natürlich klug, wenn man den entstandenen Frust im Online-Unterricht nicht ausschließlich auf sein persönliches mögliches technisches Unvermögen bezieht. Die allgemeine Lage mit Isolation, Social Distancing und einem veränderten Alltag, den wohl niemand je für möglich gehalten hätte, tragen auch dazu bei, dass unsere Nerven dünner sind als vor der Krise.


Bitte nehmen Sie nicht alle Technik-Helden der Welt als Maßstab aller Dinge. Die beste technische Ausstattung wird nicht viel nützen, wenn nicht mit Empathie, Fantasie und fachlicher Kompetenz gelehrt wird!

Punkten Sie mit ihrem individuellen Unterricht, mit Ihrer Persönlichkeit und mit ihrem musikpädagogischen Können bei denen Ihnen anvertrauten Schülern. Und seien Sie sich immer gewiss: Mit Ihrem Gefühl sind Sie ganze sicher nicht allein!

Seien Sie mit ihrem Tun anders, sein Sie einzigartig, bleiben Sie Sie selbst!

Wie die Mohnblume, die ein Kornfeld verschönert!


Bitte bleiben Sie gesund! Ich grüße Sie herzlich!

Ihre Kristin Thielemann





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